Landschaften

Goldener Oktober – Von der Idee zum Foto

Die Geschichte hinter einem Foto, wie es zu dem Foto kam, ist oftmals genauso spannend wie das Foto selbst. Blicken wir also einmal hinter das Landschaftsfoto „Goldener Oktober“, das an einer Talsperre im Sauerland entstand.

Der Standort ist bei Landschaftsaufnahmen von entscheidender Bedeutung. Wenige Meter, manchmal sogar nur wenige Zentimeter, können entscheidend sein, ob ein gutes Foto möglich ist. Zumindest theoretisch, kommen in der Praxis weitere Faktoren hinzu. Das Wetter zum Beispiel, gerne launenhaft und unberechenbar, wie einige Tage vor der Aufnahme, als die Sonne keine Lust hatte sich gegen den Nebel durchzusetzen. Ich aber keine Lust auf Nebelfotos hatte und somit den Vormittag damit verbrachte, nach dem ein oder anderen guten Standort zu suchen. Auf Regen, in meinem Fall Nebel, folgt bekanntlich wieder Sonnenschein. Doch wie findet man an trüben Tagen einen idealen Standort für einen Sonnenaufgang? Schließlich entstehen Fotos selten vor der Haustür, wo man den Sonnenstand zu jeder Jahreszeit gut kennt. Hier kann moderne Technik in Gestalt von Apps fürs Smartphone sehr hilfreich sein, die den Sonnenstand für jeden beliebigen Standort, Tag und Uhrzeit berechnet und anzeigt. Mein persönlicher Favorit ist die kostenpflichtige App „Sun Surveyer“, die sehr umfangreich ist und laufend aktualisiert wird, aber andere kostenlose Apps erfüllen für den Einstieg auch ihren Zweck.

Die Fürwiggetalsperre ist aufgrund ihrer überschaubaren Größe und geschwungenen Form für Fotografen ein sehr attraktives Motiv. Im Herbst kommen die an den Ufern dominierenden Laubbäume hinzu, die allerdings selbst an sonnigen Tagen nur sehr kurz in herrlichen Gelb- und Rottönen leuchten. Die zu dieser Jahreszeit tiefstehende Sonne geht hinter den umliegenden Bergen sehr spät auf und früh wieder unter. Hier kommt dann die angesprochene App zum Einsatz, die den Verlauf der Sonne am gewünschten Standort dank Smartphone-Kamera beim Blick aufs Display in der realen Umgebung simuliert. Meine Wahl fiel auf einen Standort direkt am Ufer eines Seitenarms der Talsperre, an dem die Äste bis zur Wasseroberfläche reichen. Ein Blick auf die App verriet mir, wo die Sonne aufging. Schien ideal zu sein. Jetzt musste nur noch die Sonne scheinen.

Goldener Oktober an der Fürwiggetalsperre. (Foto: Michael Kaub)
Goldener Oktober an der Fürwiggetalsperre. (Foto: Michael Kaub)

Vier Tage später war es endlich soweit. Keine Wolke trübte den Himmel. Eine halbe Stunde bevor die Sonne hinter dem Berg hervorkommen sollte, baute ich meine Kamera auf einem Stativ circa 20 Zentimeter über dem Wasserspiegel am Ufer auf. Fernauslöser nicht vergessen. Stichwort: Lange Belichtungszeiten. Zur Not über den Selbstauslöser arbeiten, um Unschärfe durch das Drücken des Auslösers zu vermeiden. Mir war wichtig, dass das Foto vom Laub bis zum Horizont eine durchgehende Schärfe aufweist. Nächstes Stichwort: Hyperfokale Entfernung. Klingt für alle, die es noch nie gehört haben, kompliziert, kann man in der Praxis aber auch ohne aufwendige Berechnung Pi mal Daumen schnell umsetzen. Wer genau wissen will, was sich dahinter verbirgt, der lese bei Wikipedia nach. Ich erläutere es mal fix praxisnah am Foto. Manuellen Focus am Weitwinkelobjektiv (hier das Canon EF 17-40mm 1:4 L USM) einstellen und an der Kamera einen passenden Blendenwert wählen. Falls ihr mal gehört habt, dass man bei Landschaftsaufnahmen immer den höchsten Blendenwert nehmen soll, dann vergesst das mal schnell wieder. Es ist sinnlos, die Blende bis zum geht nicht mehr zu schließen. Warum? Das hat etwas mit der Beugungsunschärfe zu tun: Lest ihr wieder bei Wikipedia.

Aber zurück zum idealen Blendenwert für die Aufnahme, den man mit der Hyperfokalen Distanz ermittelt. Hinter diesem Zungenbrecher verbirgt sich die Distanz zwischen der Kamera und einem Objekt, ab der bei einer bestimmten Blende und einer bestimmten Brennweite alles hinter dem Fokuspunkt mit einer akzeptablen Schärfe abgebildet wird. Was heißen soll, dass aus dem Abstand des vordersten Bildelements zum Objektiv und der Brennweite sich die optimale Blende berechnen lässt. Bei mir waren es Blende 11 bei 17mm Brennweite. Die Formel zum Berechnen erspare ich Euch an dieser Stelle, dafür gibt es Rechner im Internet oder Apps fürs Smartphone. Braucht ihr aber beides nicht, denn es genügt in der Praxis einfach Pi mal Daumen auf das vorderste Bildelement scharf zu stellen und Blende 9 oder 11 zu wählen. Hier schaffen die meisten Weitwinkelobjektive nicht nur die beste Abbildungsleistung, sondern hier liegt die größte Schärfe auch auf dem Vordergrundmotiv. Ein bisschen Unschärfe im Hintergrund stört nur in seltenen Fällen.

Ich bin kein Freund von HDR-Aufnahmen in der Landschaftsfotografie, da diese Fotos auf mich künstlich wirken. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Um dennoch den starken Unterschied in der Belichtung zwischen Himmel und Ufer zu mildern, setzte ich einen Verlaufsfilter (Grauverlaufsfilter ND 0,9 hart) der englischen Firma Lee ein. Entsprechend ausgerichtet konnte die Sonne kommen. Aber sie kam nicht. Was sagte ich anfangs über das Wetter? Launenhaft und unberechenbar. Ausgerechnet über dem Berg machte sich Hochnebel breit, der nur ein paar dürre Sonnenstrahlen durchließ. Zu wenig, um das Laub zum Leuchten und das Wasser zum Glitzern zu bringen. Geduldig richtete ich meine Kamera immer wieder neu in Richtung Sonne aus. Würde die Sonne es noch rechtzeitig schaffen, bevor der ideale Standort sich in Luft auflösen würde? Das Foto nimmt die Antwort vorweg. Plötzlich waren die sehnsüchtig erwarteten Sonnenstrahlen da und mein Finger auf dem Auslöser. Um die eingefangene Stimmung zu verstärken, passte ich in Adobe Lightroom das Foto noch an: Kontrast und Dynamik rauf, Sättigung runter sowie goldiges Farbspiel. Herausgekommen ist der wörtlich genommene goldene Oktober.